Auszug - Kinderschutz und Sicherstellung des Schutzauftrages nach § 8 a SGB VIII im Fachdienst Jugend  

12. Sitzung 2009 (32. Sitzung VII.) Jugendhilfeausschuss
TOP: Ö 7
Gremium: Jugendhilfeausschuss Beschlussart: (offen)
Datum: Do, 30.04.2009 Status: öffentlich/nichtöffentlich
Zeit: 15:00 - 18:20 Anlass: Sitzung
Raum: Jugendfreizeitheim Diepholz
Ort: Bahnhofstr. 16, 49356 Diepholz
 
Wortprotokoll

Stellvertretende Fachdienstleiterin Schwartz blickt einleitend in die Vergangenheit

 

Stellvertretende Fachdienstleiterin Schwartz blickt einleitend in die Vergangenheit. Vor ca. zwei Jahren habe sich der Fachdienst Jugend erstmals Gedanken zu einer neuen Struktur gemacht, die den Anforderungen der  Kindeswohlsicherung Rechnung tragen könne, einen angemessenen fachlichen Standard gewährleiste und eine passgenaue Unterstützung des allgemeinen Sozialdienstes biete. Bundesweit bestehen hierzu vielfältige Ideen und Ansätze, jeder Landkreis stricke sein eigenes Konzept. Bereits 2005 habe man sich beim Landkreis Diepholz neu aufgestellt und per Dienstanweisung eine neue Struktur mit einem standardisierten Verfahren vereinbart. Mit Rücksicht auf die gesetzlichen Veränderungen und tatsächlichen Entwicklungen war jedoch zu hinterfragen, ob diese Regelungen ausreichen können. Zu berücksichtigen sei dabei gewesen, dass die Kindeswohlsicherung in der allgemeinen Sozialarbeit grundsätzlich nur einen kleinen Teil einnehme, jedoch im Bedarfsfall einen erheblichen Aufwand bedeute.

 

Seit dem 10.12.2008 gelte nun im Fachdienst Jugend eine neue Struktur mit drei zusätzlichen Stellen für sogenannte Kinderschutzfachkräfte. Dabei sei jeweils eine Kraft für eine Region mit zwei bzw. drei Sozialräumen zuständig. Die Fachkräfte haben eine gesonderte Stellung und vertreten sich gegenseitig. Flankiert werde dies durch eine Dienstanweisung zum Kindeswohlverfahren nach § 8 a SGB VIII, die ein standardisiertes Verfahren unter Verwendung von vorgeschriebenen Melde-, Prüf- und Übergabebögen für den Fall einer Kindeswohlgefährdungsmeldung vorsehe. Dies stelle sicher, das zu jeder Zeit nachvollzogen werden könne, wann wer was veranlasst habe. Geregelt sei u.a. Beginn und Ende von Fallzuständigkeiten, bzw. die Übergabe der Fallzuständigkeit an die Kinderschutzkraft, wenn nach der gemeinsam vorgenommenen Gefährdungseinschätzung eine Kindeswohlgefährdung gegeben ist. Erst nach Abwendung der Gefährdung durch Erstellung eines geeigneten Schutzkonzeptes ende die Zuständigkeit der Schutzkraft und es erfolgt die Übergabe des Falles an die jeweilige ASD-Fachkraft. Geregelt sei nun z.B. auch die regelhafte Inaugenscheinnahme der Kinder bei Hausbesuchen.

 

Die drei zusätzlichen Stellen seien nun seit September 2008 besetzt berichtet Frau Schwartz und gibt im Folgenden einen differenzierten Überblick zu den Kindeswohlmeldungen im Landkreis Diepholz für die Zeit ab 10.12.2008 (vgl. Anlage 1).

 

Die stellvertretende Fachdienstleiterin beantwortet Fragen der Ausschussmitglieder und beendet die Präsentation mit dem Hinweis, dass die Zahl der Inobhutnahmen bundesweit konstant gleich hoch bleiben. Es verstreiche praktisch keine Woche, in der nicht 1 bis 2 Kinder in Obhut zu nehmen sind.

 

Im Anschluss stellen sich die Kinderschutzfachkräfte, Frau Nadine Bahr (Sozialräume Stuhr und Weyhe), Frau Ulrike Peiser (Sozialräume Mitte West und Mitte Ost) und Frau Katharina Kröger (Sozialräume Sulinger Land, Diepholz-Land und Diepholz Stadt) dem Jugendhilfeausschuss vor und geben einen Einblick in die Schwerpunkte und besonderen Problemlagen des regionalen Zuständigkeitsbereiches. Deutlich werden dabei die unterschiedlichen Infrastrukturen der Regionen mit den sich daraus ergebenden Potentialen und Problemlagen für die Familien, sowie für die Erstellung von  Schutzkonzepten zur Sicherung des Kindeswohls. Besonders auffällig ist, dass in der Region Diepholz/Sulingen die Kindeswohlmeldungen fast ausschließlich Säuglinge und Kleinkinder im Alter von 0 bis zu drei Jahren betreffen.

 

Die Zusammenarbeit mit dem ASD habe sich sehr gut entwickelt berichtet Frau Peiser. Die Kolleg/Innen seien sehr dankbar für die Beratung und Unterstützung im Zusammenhang mit Kindeswohlsicherungen sowie insbesondere bei Hausbesuchen. Die neue Struktur ermögliche die Reflektion von Hausbesuchen, biete Sicherheit und Verbindlichkeit. Besonders positiv sei zu bewerten, dass diese Form der Zusammenarbeit eine Durchlässigkeit und Transparenz in der Fallbearbeitung mit sich bringe.

 

Auch seitens der Behörden und Institutionen (z.B. Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, Ärzte, Polizei, Familiengericht usw.) haben sich nur positive Rückmeldungen ergeben. Besonders begrüßt wird das kompetente Beratungsangebot zur Kindeswohlgefährdung, sowie das Vorhandensein von verbindlichen Ansprechpartner verbunden mit deutlich verkürzten Wartezeiten.

 

Die Reaktionen von Eltern und Kindern seien sehr vielfältig wenn der Fachdienst Jugend unangemeldet mit zwei Kräften vor der Tür stehe, schildert Frau Kröger. Regelmäßig stehe zunächst Schock und Wut im Vordergrund, sowie oftmals die Frage nach dem Wer und Warum? Nach der Konfrontation öffnen sich die Eltern häufig für eine Zusammenarbeit mit dem Fachdienst Jugend.

 

Abschließend schildert Frau Bahr einen Fall aus dem Alltag und berichtet von jungen Eltern, die ihr Kind zwar liebevoll umsorgten, aber keinerlei Verständnis oder Gefühl für angemessene Wohnverhältnisse aufwiesen. Aufgefallen war der Fall der Polizei im Zusammenhang mit einer Ruhestörung. Der informierte Fachdienst Jugend suchte die Familie sofort auf und fand das schlafende Kind in einer völlig verwahrlosten Wohnung. Nachdem zunächst Sofortmaßnahmen zum Schutz des Säuglings (Unterbringung im erweiterten familiären Umfeld) ergriffen wurden, konnten die jungen Eltern schließlich die angebotenen Hilfen annehmen. Dies ermöglichte die Rückkehr des Säuglings in die Familie – gekoppelt an enge Hilfen und entsprechende Kontrollen.

 

Fachdienstleiter Klusmeyer dankt den Kinderschutzkräften für die ausführliche Berichterstattung und die äußerst kompetente und engagierte Arbeit. Das gewählte Beispiel repräsentiere den Auftrag und die Arbeit des Fachdienstes Jugend. Ziel sei es, Hilfen anzubieten und mit den Eltern Lösungen zu erarbeiten, die (soweit fachlich vertretbar) einen Verbleib der Kinder in den Familien ermöglichen. Eine Herausnahme des Kindes aus der Familie sei immer nur das letzte Mittel.

 

Aufgabe der Verwaltung sei es, keine Arbeitsbelastungen eintreten zu lassen, die die Fachkräfte überfordern. Es gelte rechtzeitig für angemessene Unterstützung und Ausgleiche zu sorgen. Dies erfordere auch eine Akzeptanz und Rückhalt in der Politik.

 

Abschließend benennt Frau Schwartz die Neuerungen im Fachdienst Jugend mit drei zusätzlichen Arbeitsplätzen für Kinderschutzfachkräfte, einer standardisierten Falldokumentation unter Einbeziehung hierarchischer Strukturen, der Optimierung der Fachlichkeit zum Thema Kindeswohlsicherung mit kompetenten Ansprechpartnern für Externe sowie einer neuen Form der Zusammenarbeit im ASD.

 

Themen der Zukunft seien hinreichende Fortbildung und Unterstützung der Fachkräfte, die Umsetzung von Neuerungen im Zusammenhang mit dem FGG und FamFG sowie die Implementierung von Vernetzungsstrukturen.

 

Kreisrätin Human führt die relativ hohe Anzahl der Kindeswohlmeldungen u.a. auf eine erhöhte Sensibilität der Thematik in der Öffentlichkeit zurück. Es bestehen hohe Unsicherheiten darüber, wo eine Kindeswohlgefährdung beginne. Die zunehmende Präsenz des Fachdienstes Jugend auf diesem Gebiet werde wahrgenommen und bringe zwangsläufig eine Erhöhung der Fallzahlen mit sich. Dies sei jedoch positiv zu bewerten, denn die Meldungen beinhalten ein breites Spektrum und bedeuten nicht in jedem Fall eine akute Kindeswohlgefährdung.

 

Stellvertretende Fachdienstleiterin Schwartz bestätigt dies und schätzt, dass ca. 70% der Meldungen unterhalb einer akuten Kindeswohlgefährdung liegen.

 

Gleichstellungsbeauftragte Runge zeigt sich von der neuen Struktur und der guten Präsens des Fachdienstes in Sachen Kindeswohlsicherung sehr beeindruckt. Institutionen und Bürger können auf kompetente Ansprechpartner zugreifen mit der Gewissheit, dass Maßnahmen folgen. Sie mutmaßt, dass allein diese positiven Veränderungen einen Anstieg der Meldungen zur Folge habe, ohne dass eine Verschärfung der Gesamtsituation vorliege.

 

Frau Kröger erläutert auf Anfrage von Frau Filikowski, dass die Kindeswohlmeldungen grundsätzlich nicht bei den Kinderschutzfachkräften, sondern im zuständigen Sozialraumteam eingehen. Von dort erfolge sodann die Einbeziehung der Kinderschutzfachkräfte über die vorzunehmende Gefährdungseinschätzung und gegebenenfalls die Fallübergabe. Die Fallbearbeitung selbst habe in den vergangenen Monaten zu einer rasanten Vernetzung mit Institutionen, Einrichtungen und Behörden geführt.

 

Stellvertretende Fachdienstleiterin Schwartz berichtet unter Hinweis auf die Erfahrungen der Stadt Mannheim, dass der Landkreis Diepholz sich ganz bewusst für eine „Abschirmung“ der Kinderschutzfachkräfte entschieden habe, um eine effektive und dauerhafte Aufgabenwahrnehmung gewährleisten zu können. Die Ansprechpartner der Sozialraumteams sind jedoch öffentlich und werden regelmäßig in aktualisierter Form bekannt gegeben.

 

Frau Horstmann lobt den neuen Arbeitsbereich im Fachdienst Jugend und dankt für die hervorragende Berichterstattung. Die Kinderschutzkräfte erweisen sich als eine echte Hilfe und Unterstützung für die Familien.

 

Herr Jaeger schildert, der Schutzauftrag nach § 8 a SGB VIII sei ein Bestandteil der Juleica-Ausbildung. Seitens der Jugendlichen werde immer wieder Interesse an einer Vertiefung der Thematik geäußert.

 

Stellvertretende Vorsitzende Peukert dankt den Kinderschutzfachkräften für die Berichterstattung. Freude an der Arbeit und großes Engagement seien spürbar. Das Team erweise sich als Bereicherung für den Fachdienst Jugend.