Vorlage - VO/2013/041  

Betreff: Aufbau von Netzwerkstrukturen für Frühe Hilfen im Landkreis Diepholz
Status:öffentlichVorlage-Art:Vorlage öffentlich
Unterzeichner/in:Inge Human (i. V.)
Federführend:FD 51 - Jugend   
Beratungsfolge:
Jugendhilfeausschuss Entscheidung
14.03.2013 
Sitzung des Jugendhilfeausschusses ungeändert beschlossen   

Der Jugendhilfeausschuss unterstützt den Netzwerkaufbau Frühe Hilfen und beschließt das in der Sachverhaltsdarstellung beschriebene Vorgehen

Beschlussvorschlag:

Der Jugendhilfeausschuss unterstützt den Netzwerkaufbau Frühe Hilfen und beschließt das in der Sachverhaltsdarstellung beschriebene Vorgehen.

 

Über die weitere Entwicklung und den Fortgang ist der Jugendhilfeausschuss in geeigneten Abständen zu informieren.

A) Entwicklung und Begriffsklärungen:

Sachverhalt:

A) Entwicklung und Begriffsklärungen:

 

Im Dezember 2011 wurde das Bundeskinderschutzgesetz vom Bundestag und Bundesrat verabschiedet. Kern des Gesetzes ist das neu geschaffene Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz (KKG). Das KKG regelt u. a., dass und wie Eltern über Unterstützungsangebote in Fragen der Kindesentwicklung informiert werden. Es schafft Rahmenbedingungen für verbindliche Netzwerkstrukturen im Kinderschutz.

 

Insbesondere verpflichtet es den Landkreis Diepholz als öffentlichen Jugendhilfeträger Netzwerke für Frühe Hilfen im Kreisgebiet aufzubauen, weiterzuentwickeln und zu koordinieren.

 

Der Begriff Frühe Hilfen wurde ursprünglich in den 70-er Jahren von der Frühförderung geprägt und bezog sich auf die frühe Förderung von behinderten bzw. von Behinderung bedrohter Kinder. In den letzten Jahren wurde der Begriff im Zusammenhang mit Prävention und Kinderschutz neu geprägt:

 

Frühe Hilfen bilden lokale und regionale Unterstützungssysteme mit koordinierten aufeinander bezogenen und sich ergänzenden Hilfsangeboten für Eltern und Kinder ab Beginn der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren, schwerpunktmäßig in den ersten drei Lebensjahren. Sie umfassen sowohl universelle/primäre Prävention (Angebote für alle Eltern im Sinne der Gesundheitsförderung) als auch selektive/sekundäre Prävention (Hilfen für Familien in Problemlagen).

 

Ziel ist die frühzeitige und nachhaltige Verbesserung der Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern und Eltern in Familie und Gesellschaft durch alltagspraktische Unterstützung und insbesondere auch durch die Förderung der Beziehungs- und Erziehungskompetenz von (werdenden) Müttern und Vätern.

 

Frühe Hilfen tragen auch dazu bei, Risiken einer Kindeswohlgefährdung frühzeitig wahrzunehmen und zu reduzieren und sorgen gegebenenfalls dafür, dass weitere Maßnahmen zum Schutz des Kindes ergriffen werden.

 

Zentraler Aspekt ist eine enge Vernetzung und Kooperation von Institutionen und Angeboten aus den Bereichen der Schwangerschaftsberatung, des Gesundheitswesens, der interdisziplinären Frühförderung, der Kinder- und Jugendhilfe und weiterer sozialer Dienste. Frühe Hilfen streben eine ?ächendeckende Versorgung und eine Verbesserung der Versorgungsqualität an.

 

Vor dem Hintergrund, dass jede Familie in Krisen geraten kann, sollten Frühe Hilfen früh im Lebensalter eines Kindes und früh zum Zeitpunkt einer Krise einsetzen. Hierbei können universell präventive Angebote, die lokal und niedrigschwellig dort zur Verfügung stehen, wo Familien sich aufhalten und in Kontakt sind, als nicht oder weniger stigmatisierende Zugänge genutzt werden, auch Eltern in Risikokonstellationen früh anzusprechen und sie für weitergehende flankierende Hilfen zu motivieren.

 

 

B) Unterstützung zum Aufbau von Netzwerkstrukturen im Landkreis Diepholz

 

Der Aus- und Aufbau der Netzwerke Frühe Hilfen wird auf der Grundlage des KKG durch die „Bundesinitiative Frühe Hilfen und Familienhebammen“ gefördert. Im Rahmen der Bundesinitiative werden den Ländern Mittel zugewiesen, die an die Kommunen weitergegeben werden, um vor Ort den Ausbau der Frühen Hilfen zu unterstützen.

 

Aufgrund der o. a. Bundesinitiative standen/stehen dem Landkreis Diepholz für

 

2012: 45.790,00  und

 

2013 (und Folgejahre ): 71.044,00  (jährlich) zu.

 

In 2012 konnten von den zur Verfügung stehenden Mitteln 25.671,08 € beansprucht werden. Hiervon wurden die Ausstattung der Netzwerkkoordination mit Arbeitsmaterialien, ein Teilbetrag der wissenschaftlichen Begleitung durch das Institut für Soziale Arbeit (ISA) und verschiedene Fortbildungen für die Familienhebammen nebst  Ausstattungsgegenständen  für die Arbeit in den Familien finanziert.

 

In den Folgejahren kann mit einer Förderung in etwa gleicher Höhe wie in 2013 gerechnet werden (Zuwendungsschlüssel: Grundpauschale von 20.000 € sowie einem spezifischen Verteilerschlüssel, der die Anzahl der unter 3-jährigen im SGB II-Bezug und die Anzahl der unter 3-jährigen zugrunde legt).

 

Die Förderrichtlinie gilt zunächst bis einschließlich 2015. Nach Ablauf der Befristung wird der Bund einen Fond zur Sicherstellung der Netzwerke Frühe Hilfen und der psychosozialen Unterstützung von Familien dauerhaft zur Verfügung stellen.

 

Es handelt sich um eine 100 % Förderung, die keine Gegenfinanzierung erfordert.

 

Aufgrund der niedersächsischen Fördergrundsätze für die Gewährung von Zuwendungen aus der Bundesinitiative Netzwerke Frühe Hilfen und Familienhebammen ergeben sich folgende Aufgaben:

 

?         Aufbau, Arbeit und Ausbau (Weiterentwicklung) kommunaler Netzwerke mit Zuständigkeit Frühe Hilfen

?         bedarfsgerechter Ausbau des Einsatzes von Familienhebammen

?         soweit dies erfolgt ist: Förderung von Ehrenamtsstrukturen und modellhafter Maßnahmen im Kontext Früher Hilfen, die als Regelangebote ausgebaut werden sollen, Vorraussetzung:

o        Einbindung in das für Frühe Hilfen zuständige Netzwerk

o        Vorhaltung einer hauptamtlichen Fachbegleitung

o        Alltagspraktische Begleitung und Entlastung von Familien, Beitrag zur Erweiterung familiärer Netzwerke

 

(Anmerkung: Förderfähig sind Maßnahmen, die nicht schon am 01.01.2012 als Regelangebot vorgehalten worden sind).

 

 

Rahmenbedingungen der Netzwerke Frühe Hilfen:

 

?         Koordination beim örtlichen Träger der Kinder- und Jugendhilfe (§ 3 Abs. 2 KKG)

?         Netzwerkpartner nach § 3 Abs. 1 KKG

 

o        Einrichtungen und Dienst der öffentlichen und freien Jugendhilfe

o        Die relevanten Akteure aus dem Gesundheitswesen (z.B. Gesundheitsämter, Krankenhäuser, Geburts- und Kinderkliniken, Sozialpädiatrische Zentren, Kinderärzte, Angehörige der Heilberufe

o        Beratungsstellen nach §§ 3und 8 des Schwangerschaftskonfliktgesetzes

o        Einrichtungen der Frühförderung

 

?         Die Netzwerke arbeiten nach Qualitätsstandards (u. a. Kooperationsvereinbarungen zum Umgang mit Einzelfällen) und schließen Vereinbarungen für eine verbindliche Zusammenarbeit 3 Abs. 3 KKG)

?         Es werden regelmäßig Ziele auf der Grundlage der Jugendhilfeplanung nach § 80 SGB VIII festgelegt und die Zielerreichung wird überprüft

 

Der Aufbau von lokalen Netzwerkstrukturen für Frühe Hilfen stellt aufgrund der Größe des Landkreises, seiner 15 kreisangehörigen Kommunen und rd. 215.000 Einwohner eine besondere Herausforderung dar.

 

Kommunal übergreifende Netzwerke im Bereich der Frühen Hilfen, in der Form, wie sie das KKG vorsieht, sind bisher im Landkreis nicht aufgebaut. Der Landkreis Diepholz setzt allerdings Familienhebammen ein, die jedoch nicht direkt beschäftigt werden, sondern als selbständig tätige Hebammen über Honorar-Abrechnungen gefördert werden. Eine hauptamtliche Fachkraft beim Landkreis steht für die Fachberatung und Einsatzplanung zur Verfügung. Dieses Familienhebammennetz ist hinsichtlich seiner Bedarfsabdeckung noch ausbaufähig und soll entsprechend weiter entwickelt und unterstützt werden. Auf örtlicher kommunaler Ebene gibt es unterschiedliche Kooperationen und Netzwerke, die sich mit Themen befassen, die (im weitesten Sinne) zum Bereich der Frühen Hilfen gerechnet werden können.

 

Es fehlen bisher allerdings Ansätze, die bestehenden lokalen Aktivitäten und Netzwerke untereinander zu verknüpfen, um ein sich gegenseitig unterstützendes und aufeinander abgestimmtes Netzwerk für Frühe Hilfen im gesamten Landkreis zu entwickeln und zu etablieren.

 

Hier möchte der Landkreis Diepholz im Sinne der Vorschriften des Bundes, des Kinderschutzgesetzes und des KKG jetzt ansetzen und die Initiative ergreifen indem unter Nutzung der Fördermittel aus der Bundesinitiative die örtlichen Aktivitäten, Netzwerke und Hilfeangebote miteinander verknüpft werden. Im gleichen Zuge sollen diese weiterentwickelt und verfestigt werden, um daraus Impulse für neue Aktivitäten im Bereich der Frühen Hilfen zu generieren. Bei einem strukturierten, sorgfältig konzipierten und prozesshaft organisierten Aufbau nachhaltiger Netzwerke für Frühe Hilfen und deren landkreisweite Verknüpfung sollen die vorhandenen sozialräumlichen Jugendhilfestrukturen im Landkreis Diepholz berücksichtigt werden und soweit möglich und sinnvoll auch den strukturellen Rahmen für den Aufbau von Netzwerken bilden. Andererseits sollen Mittel auch für die Weiterent-wicklung, den Ausbau und für die Qualitätsentwicklung des Angebotes und der Arbeit von Familienhebammen verwendet werden.

Insgesamt gilt es, schon existierende lokale Projekte und Kooperationen so aufeinander abzustimmen das keine Doppelstrukturen oder überflüssige Überschneidungen entstehen.

 

 

C) Vorgehen im Landkreis Diepholz

 

Die Federführung für die hier beschriebenen Aufgaben ist nach den einschlägigen Vorschriften und Förderrichtlinien dem öffentlichen Jugendhilfeträger zugeschrieben und wird beim Landkreis vom Fachdienst Jugend wahrgenommen.

 

Aufgrund der bereits bewilligten Fördermittel konnte inzwischen aus dem Fachdienst Jugend die Mitarbeiterin Frau Ruholl mit den Aufgaben der Netzwerkkoordination betraut werden.

 

Gleichzeitig konnte mit den Fördergeldern auch eine wissenschaftliche Begleitung und fachliche Beratung und Unterstützung durch das Institut für Soziale Arbeit (ISA) Münster erfolgen.

 

Ein kompletter Netzwerkaufbau gleichzeitig im gesamten Landkreis ist aufgrund der gegebenen Bedingungen nicht leistbar. Auch aufgrund der begrenzten Ressourcen soll schrittweise sozialräumlich vorgegangen werden und die örtlich vorhandenen Initiativen und Netzwerke einbezogen werden.

 

Dieses abgestufte Vorgehen wurde mit den Kommunen im Landkreis über eine Beratung in der Bürgermeisterkonferenz im Februar abgestimmt. Gleichzeitig wurden die Kommunen um entsprechende Unterstützung beim Netzwerkaufbau gebeten. Die Kommunen Sulingen, Stuhr, Bruchhausen-Vilsen und Bassum haben ihr ausdrückliches Interesse und ihre Unterstützung zugesagt und können sich vorstellen, in der ersten Phase des Vorgehens den Aufbau eines kreisweiten Netzwerkes zu unterstützen.

 

Weitere Kommunen könnten sich dann in den folgenden späteren Schritten entsprechend anschließen.

 

Der erste Sozialraum, in dem mit dem Aufbau begonnen werden soll, ist das Sulinger Land. Durch die Vorbereitung zum Aufbau eines Familiengesundheitszentrums entstehen viele fachliche Verknüpfungen zum Thema Frühe Hilfen, die von Anfang an mit der Entwicklung eines landkreisweiten Netzwerkes verbunden werden sollen.

 

Mit Unterstützung des Institutes für Soziale Arbeit soll eine erste Auftaktveranstaltung mit den vorgesehenen Netzwerkpartnern im Sulinger Land vor den Sommerferien durchgeführt werden. Durch das Institut wird eine Bestandsaufnahme der vorhandenen Strukturen und Aktivitäten der Vernetzung vor Ort erfolgen. Die Auftaktveranstaltung sowie die folgende Auswertung der Bestandsaufnahme in einem Workshop bieten Austauschmöglichkeiten vor Ort und sollen in regionalen Netzwerken münden.

 

Nach den Sommerferien soll dann in der Gemeinde Stuhr in einem weiteren Sozialraum der weitere Netzwerkaufbau mit der Bestanderhebung nach dem beschriebenen Muster erfolgen.

 

Geplant ist dann zum Ende des Jahres und Anfang des neuen Jahres, den Netzwerkaufbau mit den Bestandsaufnahmen in den weiteren Kommunen Bruchhausen-Vilsen und Bassum fortzusetzen.

 

Aufgrund der sehr unterschiedlichen Strukturen und Bedingungen muss hier dann noch das individuelle und passgenaue Vorgehen mit den nächsten Netzwerk-Kommunen abgestimmt werden.

 

Der Aufbau von Netzwerkstrukturen muss sich an den lokalen Bedürfnissen und Angeboten orientieren und benötigt idealerweise auch die Unterstützung der Kommunen vor Ort.

 

Innerhalb der Landkreisverwaltung wird das Vorgehen unter Federführung des Fachdienstes Jugend innerhalb einer Begleitgruppe, in der die fachlich beteiligten Fachdienste und Stellen sowie das Institut ISA eingebunden sind, beraten und abgestimmt.

 

Über die weiteren konkreten Projekt- und Zeitplanungen wird der JHA zu gegebener Zeit jeweils informiert.