Vorlage - 18/2009  

Betreff: Einrichtung eines interdisziplinären Früherkennungs- und Diagnostikteams zur Frühförderung behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder
Status:öffentlichVorlage-Art:Vorlage öffentlich
Federführend:FD 53 - Gesundheitsamt   
Beratungsfolge:
Ausschuss für Jugend, Gesundheit und Soziales
02.04.2009 
9. Sitzung 2009 (25. Sitzung VII.) Ausschuss für Jugend, Gesundheit und Soziales (offen)   
Kreisausschuss

Die Verwaltung wird beauftragt, ein interdisziplinäres Früherkennungs- und Diagnostikteam zur Früherkennung und Frühförderung

Beschlussvorschlag:

Die Verwaltung wird beauftragt, ein interdisziplinäres Früherkennungs- und Diagnostikteam zur Früherkennung und Frühförderung behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder einzurichten.

 

Das Diagnostikteam wird zunächst für einen Projektzeitraum von zwei Jahren mit dem Ziel eingerichtet, Erfahrungen und Kenntnisse zu sammeln. Am Ende des Projektzeitraumes wird darüber entschieden, ob die Weiterentwicklung zu einer interdisziplinären Frühförderstelle (IFF) für den Landkreis Diepholz notwendig und sinnvoll ist.

 

Zur Sicherstellung der Kompetenz für den medizinisch-therapeutischen Bereich wird eine Fachkraft (20Std./Wo) für den Projektzeitraum beschäftigt.

 

i. V.

 

 

Human

 

Mit dem Inkrafttreten des SGB IX (Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen) sind die Leistungen der Frühförderung noch

Sachverhalt:

Mit dem Inkrafttreten des SGB IX (Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen) sind die Leistungen der Frühförderung noch nicht eingeschulter behinderter oder von Behinderung bedrohter Kinder von dem Gedanken getragen, dass die Maßnahmen der Früherkennung und Frühförderung interdisziplinär erbracht werden. Dies bedeutet eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von qualifizierten medizinischen, medizinisch-therapeutischen und pädagogischen Fachkräften, um eine drohende oder bereits eingetretene Behinderung zum frühestmöglichen Zeitpunkt zu erkennen und die Behinderung durch gezielte Förder- und Behandlungsmaßnahmen auszugleichen oder zu mildern.

 

Darüber hinaus ist mit Inkrafttreten der Frühförderungsverordnung (FrühV) die Grundlage geschaffen worden, Leistungsspektren der Früherkennung und Frühförderung zuständigkeitsübergreifend als Komplexleistung (Leistungen zur medizinischen Rehabilitation und heilpädagogische Leistungen) zur Verfügung zu stellen. Die Inanspruchnahme von „Leistungen aus einer Hand“ wird damit grundsätzlich ermöglicht.

 

Die kommunalen Spitzenverbände, die Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege und die Krankenkassen im Land Niedersachsen haben unter Moderation des Sozialministeriums eine Landesrahmenempfehlung (LRE) zur Umsetzung der Frühförderungsverordnung abgeschlossen, in der insbesondere die Elemente der Komplexleistung (Leistungsinhalte), die Elemente der Früherkennung (Diagnostik- und Behandlungsplan), die Vergütung der erbrachten Leistungen und die Aufteilung der Kosten auf die jeweiligen Rehabilitationsträger vereinbart wurden.

 

Die Umsetzung der Landesrahmenempfehlung im Land Niedersachsen gestaltet sich jedoch schwierig. In einem Informationsgespräch am 26.02.2009 anlässlich der Sitzung der Arbeitsgruppe „Evaluation LRE“ hat sich gezeigt, dass bisher keine interdisziplinäre Frühförderstelle mit Komplexleistungen im Land Niedersachsen eingerichtet wurde. Die Gründe hierfür liegen sowohl in inhaltlichen Fragestellungen zur Frühförderung, in erheblichen organisatorischen Problemlagen und in Kostenrisiken, die noch nicht abschließend eingeschätzt werden konnten.

 

Auch im Landkreis Diepholz werden die Leistungen der Frühförderung noch nicht nach den Grundsätzen der Landesrahmenempfehlung, also interdisziplinär erbracht. Hier, wie auch in anderen Kommunen, ist Frühförderung organisiert, in dem die Leistungsanbieter zusammen mit den Eltern Anträge auf Frühförderung beim FD 50 bzw. beim FD 53 stellen, das Gesundheitsamt eine Begutachtung vornimmt, die Leistungsgewährung durch den FD 50 erfolgt und die Anbieter dann wiederum die Frühförderung entsprechend der mit dem FD 50 getroffenen pauschalen Vereinbarungen durchführen. Oftmals haben sich die Eltern bereits vor einer Antragsstellung bei Anbietern der Frühförderung erkundigt und kommen mit bestimmten Erwartungen und Empfehlungen auf den Landkreis zu. Ein Abweichen von diesen Erwartungen ist oftmals schwierig und speziell zu begründen.

 

Im Landkreis Diepholz sind in den letzten Jahren, wie auch landes- bzw. bundesweit, Fallzahlsteigerungen zur Frühförderung festzustellen.

 

So ist beim Landkreis Diepholz die Anzahl der im Rahmen des Leistungsangebotes der Frühförderung zu betreuenden Kinder von 310 im Jahre 2005 auf 420 im Jahre 2008 mit einem Kostenvolumen von 1.227.027 EUR (2008) gestiegen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass 2008 durch die FDe Gesundheit und Soziales  niederschwellige Angebote entwickelt wurden, deren Durchschnittskosten pro Fördereinheit (51,84 EUR bzw. 33,07 EUR ) erheblich unter den Durchschnittskosten der Regelleistung Frühförderung (90,95 EUR) liegen und damit ein Kostenanstieg um ca. 80.000 EUR vermieden werden konnte, dem individuellen Förderbedarf der Kinder aber entsprachen.

 

Ursache für diese Entwicklung ist insbesondere:

Ø      Erziehungskompetenz der Eltern sinkt und dadurch Entwicklungsverzögerungen, die als drohende Behinderung wahrgenommen werden

Ø      Zunahme von Problemfamilien aus sozialschwachen Schichten (teilweise mit Geschwisterkindern, die alle Frühförderung u. ä. erhalten)

Ø      zunehmender Bekanntheitsgrad des Angebotes der Frühförderung

Ø      vermehrt Aufnahme jüngerer Kinder in die Kindertagesstätten, dadurch fallen Entwicklungsprobleme auch früher auf; bzw. einige Kinder sind in der Gruppensituation noch überfordert und fallen dadurch auf.

 

Darüber hinaus lassen sich Auffälligkeiten, insbesondere für bestimmte Personengruppen, feststellen.

Ø      sozialschwache Familien mit geringem Einkommen und wenig sozialer Vernetzung

Ø      andere Personengruppen mit weiteren Risikofaktoren wie sehr junge Eltern, allein erziehende Elternteile, Alkohol- und Drogenproblematik, Sprachschwierigkeiten

Ø      deutliche Zunahme der Verhaltensauffälligkeiten bei den Frühförderkindern (v. a. Aufmerksamkeitsdefizite, Reizoffenheit, Wahrnehmungsstörungen)

Ø      Kinder nach problematischem Schwangerschaftsverlauf, Geburtskomplikationen

Ø      leichte Zunahme bei Frühgeborenen (z. B. nach Hormontherapie bei Kinderwunsch)

 

In den nächsten Jahren ist aufgrund der gesellschaftlichen und sozialen Gegebenheiten mit einem weiteren erheblichen Ansteigen dieser Entwicklung zu rechnen.

 

Um hierauf mit dem Ziel einer Verbesserung der Frühförderung steuernd reagieren und differenzierte Angebote vorschlagen zu können ist deshalb beabsichtigt, die Früherkennung und Diagnostik und die Erstellung des interdisziplinären Förder- und Behandlungsplanes als zwei der Kernbereiche der Landesrahmenempfehlung zur Frühförderung aufzubauen und zu intensivieren.

 

Die strategischen Ziele des Landkreises für 2009 und Folgejahre sehen zum Ausbau von Prävention und frühen Hilfen für Familien die Einrichtung eines Interdisziplinären Frühförderteams vor.

 

Die Früherkennung und Diagnostik

Ø      wird als Eingangs-, Verlaufs- und Abschlussdiagnostik angelegt

Ø      umfasst alle Dimensionen in der kindheitlichen Entwicklung

Ø      beinhaltet die Beobachtung und Beurteilung der Kind-Eltern-Interaktion

Ø      ist handlungs- und altersorientiert und zielt auf die Teilhabe des Kindes in seiner realen Lebenswelt

Ø      wird erbracht in Abstimmung mit den Bezugspersonen des Kindes

Ø      bedient sich normierter Verfahren, wie standardisierte Screanings, fachspezifischer Befunderhebung und klinisch-psychologischer Entwicklungstests zur Feststellung der Entwicklungsproblematik

Ø      bedient sich förderdiagnostischer Verfahren einschl. freier und hypothesengeleiteter Beobachtung des spontanen und reaktiven Verhaltens des Kindes

Ø      leistet die Integration der diagnostischen Einzelbeträge und Befunde in eine systematische Gesamtschau und

Ø      dient als Grundlage für die Erstellung des Förder- und Behandlungsplanes

 

Der Förder- und Behandlungsplan ist das Ergebnis der interdisziplinären Diagnostik, dabei sind zu dokumentieren:

Ø      Diagnosestellung nach ICD 10 (Klassifikation der Krankheiten)

Ø      relevante anamnestische Daten

Ø      wesentliche Befunde

Ø      Darstellung und Beurteilung von vorhandenen Funktionen und Ressourcen nach dem Ansatz der ICF (Klassifikation der Behinderung und Funktionsfähigkeit)

Ø      Darstellung und Beurteilung der nach dem individuellen Bedarf voraussichtlich erforderlichen Förder- und Behandlungsangebote für das Kind unter Einbeziehung seiner Bezugspersonen mit Angabe von

o       Art

o       wöchentlicher Frequenz

o       Förder- und Behandlungszeitraum

o       erforderlichen Hilfen und Hilfsmitteln

o       Behandlungs-/Förderort

Ø      Feststellung eines individuellen Gesamtziels sowie individueller fachspezifischer Förder- und Behandlungsziele

Ø      Besonderheiten bei der Umsetzung des Förder- und Behandlungsplanes

 

Hieraus lassen sich dann individuelle und passgenaue Behandlungsleistungen entwickeln, die mit den Anbietern der Frühförderung im Landkreis Diepholz vereinbart und von diesen durchgeführt werden.

 

Zusammengefasst sollen folgende Ziele erreicht werden:

Ø      umfassende professionelle Diagnostik durch ein aus mehreren Fachkompetenzen bestehendes Team (Arzt/Ärztin, Sozialpädagoge/-pädagogin, medizinisch-therapeutischer Bereich, Psychologe/Psychologin)

Ø      Wechsel von angebotsorientierten Leistungen hin zu passgenauen differenzierten und individualisierten Förderungen

Ø      detaillierte Entwicklung der Frühförderinhalte und genauere Zielformulierung, dadurch Einfluss auf Förderplan und weniger Verlängerungsanträge

Ø      breiteres Frühförderangebot, passgenaue Hilfen

Ø      Steuerung der Entwicklung in der Frühförderung durch den Landkreis

 

Im Ergebnis soll erreicht werden, dass durch eine frühe aus unterschiedlichen Fachkompetenzen beurteilte und miteinander abgestimmte Bewertung des Frühförderbedarfs und eine darauf basierende professionell durchgeführte Frühförderung dem jeweiligen Hilfebedarf schneller, besser und letztlich auch auf weitere Sicht finanziell günstiger entsprochen werden kann.

 

Notwendig ist hierfür ein interdisziplinäres Diagnostikteam, das sich aus

      -  dem pädagogischen Bereich,

      -  dem medizinisch-therapeutischen Bereich und

      -  dem ärztlichen Bereich

zusammensetzt.

Darüber hinaus können im Einzelfall weitere Fachkräfte hinzugezogen werden.

 

Diese personelle Zusammensetzung ist auch notwendig, um sich perspektivisch zu einer interdisziplinären Frühförderstelle (IFF) zu entwickeln, um wiederum die Anerkennung durch die Krankenkassen mit den entsprechenden Förderleistungen zu bekommen.

 

Im Gesundheitsamt selber kann zurzeit der ärztliche Bereich mit einer Kinderärztin und der pädagogische Bereich mit speziell ausgebildeten Sozialpädagogen/-pädagoginnen abgedeckt werden. Die psychologische Kompetenz soll bei Bedarf unter Einbeziehung der in den Erziehungsberatungsstellen im FD 51 tätigen Psychologen eingebracht werden.

Für den medizinisch-therapeutischen Bereich (Physiotherapeuten/-therapeutinnen, Krankengymnasten/-gymnastinnen, Sprachtherapeuten/-therapeutinnen, Ergotherapeuten/-therapeutinnen) sind keine Fachkräfte in der Landkreisverwaltung vorhanden. Es ist daher erforderlich, für das Diagnostikteam diese Fachkompetenz „einzukaufen“. Darüber hinaus fallen Sachkosten für Einrichtungs- und Diagnosezwecke an. Nach den derzeitigen Fallzahlen gehen wir davon aus, dass für diese zusätzlichen Ressourcen ein Kostenrahmen von bis zu 25.000 EUR ausreichend sein wird.

 

Das Projekt ist für einen Zeitraum von zwei Jahren mit dem Ziel geplant, Erfahrungen und Kenntnisse zu sammeln, die dazu dienen, am Ende des Projektzeitraumes auch darüber zu entscheiden, ob die Weiterentwicklung zu einer interdisziplinären Frühförderstelle für den Landkreis Diepholz notwendig und sinnvoll ist.

Während der Projektphase sind mit den Verbänden der Krankenkassen entsprechende Gespräche zu führen.